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ADS SPASS IM ALLTAG


Oh, alles, irgendwie

Es ist einer dieser Vormittage, die ich zuhause verbringe, im Schlafanzug, bis ich zwei Kannen grünen Tee getrunken habe und mich der Herausforderung des Ankleidens gewachsen fühle. Anziehen ist nicht leicht. Erstens heißt es: Finden. Und zweitens: Entscheiden. Noch schlimmer ist es, wenn ich es umgekehrt versuche. Nachdem ich ausführliche Tagebuchnotizen gemacht, eine Weile in den drei aktuellen Büchern gelesen und gedankenverloren die alten Postwurfsendungen studiert habe, nehme ich meine Umgebung wahr. Ich sitze am Küchentisch und sehe, dass hier einiges an Arbeit auf mich wartet. Also los.

Zuerst räume ich die Spülmaschine aus. Tassen, Gläser, Besteck - ruckzuck. Die sauberen Champignongläser in die Speisekammer. Dort muss ich zunächst die leeren Yoghurt-Pfandgläser raussortieren und dafür brauche ich einen Karton. Auf der Diele steht ein Karton, aber es ist was drin.

Neulich habe ich das Auto ausgeräumt und alles erst mal in den Karton getan: Einen Handschuh, eine Grippzange, komische Schrauben, zwei dreckige Kuscheltiere, Steine und Muscheln aus der Sommerfrische, den Luftmatratzenaufpuster ohne Schlauch, fünf angebrochene Tempo -Packungen, Brief mit Lohnsteuerkarte, Kabel und Stecker vom alten Autoradio, die Europaautokarte meiner Schwester, zwei einzelne Kinderschuhe, eine aufgeweichte klebrige Lakritztüte an der ein wichtiger Zettel haftet. Und noch eine alte Flasche mit saurer Milch, die zur Hälfte in meinen guten Angorapullover gesickert ist, ein Schuh von mir, zwei Feuerzeuge.

Ich stelle die Pfandgläser neben den Karton , nehme den Handschuh, die Kuscheltiere und den Pullover und bringe sie zur dreckigen Wäsche in die Speisekammer, zu dem riesigen Haufen dreckiger Wäsche, zur Hälfte patschnass, weil die Maschine Wasser gelassen hat, weil ich das Siebchen nicht saubergemacht habe.

Ich fange an, die Wäsche zu sortieren in nass und trocken.

Die nasse Wäsche zu sortieren in 3o Grad, 60 Grad, Wolle und Handwäsche. Jede Sorte eine Handvoll, lohnt sich nicht. Also trage ich sie zu den Ständern im Wintergarten, um sie aufzuhängen, damit sich keine Stockflecken bilden. Auf den Wäscheständern liegt saubere, trockene Wäsche. Die beiden Wäschefässer, die es gibt, um solche Engpässe aufzufangen, stehen im Kinderzimmer, voll mit sauberer, gefalteter Wäsche, die in den Schrank sortiert werden muss. Sie ist nicht einzusortieren, denn der Schrank ist voll. Da fällt es mir wieder ein - ich wollte die zu klein gewordenen Kindersachen aussortieren und meiner Freundin geben. Dazu brauchte ich einen Karton. Aber es gab nur den auf der Diele. I

ch spüre, wie ein Gefühl der Verzweiflung in mir hochsteigt und mich drangsaliert- es fühlt sich hoffnungslos an. Es ist nicht zu schaffen- ich möchte aufgeben. Doch dann habe ich den rettenden Gedanken. Ich könnte statt Kartons auch Tüten nehmen! Kurzentschlossen gehe ich jetzt in die Küche, wühle mühevoll in dem kaputten Schrank unter der Spüle, wo die Rolle gelber Säcke liegen muss. Ich bekomme ein 25 Jahre altes Anti- Schimmel-Spray in die Finger, von dem ich nicht weiss, wie es zu entsorgen ist. Da ich mich im Vorstand der Bürgerinitiative Müllkonzept Grönegau engagiere, mach ich mir natürlich Gedanken. Das Spray hat noch nicht mal einen grünen Punkt. Es stammt wohl noch aus der ersten Männer- WG, die hier dereinst wohnte. Oder hat meine Mutter es mir mal fürsorglich mitgegeben? Sie neigt ja auch dazu, mir abgelaufene Lebensmittel und Bettbezüge von verstorbenen Tanten zuzustecken. I

ch bringe es in die Garage. Dort sehe ich den Schlauch vom Luftmatratzenaufpuster - endlich mal ein Erfolgserlebnis! Ich mag es sehr, wenn die Dinge Sinn machen, die passende zweite Memory- Karte aufgedeckt wird. Beflügelt hole ich das Gegenstück aus dem Karton in der Diele, und denke auch noch an die Zange, die komischen Schrauben, Kabel und Stecker und bringe alles zusammen in die Garage. Wo es hingehört.

Dort liegen einige alte Putzlappen und es fällt mir ein, dass mein Mann mich neulich um Nachschub bat. Meine Großmutter hat immer aus alten Unterhosen die Putzlappen geschneidert- das war damals so, im Krieg, lange vor meiner Zeit, da waren sie froh um jeden Fetzen Unterhose, jedes Fädchen wurde wieder aufgewickelt. Ich habe meine Großmutter immer heiß geliebt.

Also fange ich an, den Kinderkleiderschrank nach löchrigen fleckigen oder sonst wie vom Leben gezeichneten Hemdchen und Schlüpfern zu durchsuchen. Bei einem Stück entscheide ich, ihm noch eine Chance zu geben- die Chance, ein anständiges Leben zu führen, noch mal wieder ganz Unterhose zu werden, bevor die Putzfeudelzeit kommt. Es muß nur ein frisches Gummiband eingezogen werden.

Doch zuerst bringe ich die Lappenbeute in die Garage, erst dann suche ich auf dem Küchenschrank mein Nähkästchen. Ich bin ja nicht unkonzentriert. Erfreulicherweise finde ich dort den zweiten Handschuh, ich weiß sofort, dass es der zweite ist- denn der erste lag im Karton in der Diele und jetzt ist er bei der nassen Wäsche. Also trage ich nun den zweiten auch zu dem Haufen von Wollwäsche in den Wintergarten; doch frage mich auf dem Weg, ob das jetzt sinnvoll ist. Einerseits ist es schlau, die beiden Handschuhbrüder wieder zusammenzubringen. Aber andererseits ist der eine gar nicht nass, braucht also auch nicht aufgehängt, genaugenommen nicht einmal gewaschen zu werden.

Mir fällt die Zwillingsforschung ein und ich denke über die unterschiedlichen Sozialisationsfelder der beiden Handschuhe nach , die vermutlich letzten Winter irgendwann getrennt wurden, der eine fand einen anderen Partner, wurde getragen, gewaschen, führte ein relativ geordnetes Leben und landete in der Küche. Der andere geriet unter die Gummimatte im Auto, wurde feucht und schimmelig. Jetzt haben sie sich wieder. Und irgendwie passen sie nicht mehr zusammen.

Das ist traurig und sogar ein bisschen tragisch und deshalb beschliesse ich, ein gutes Werk zu tun und beide gemeinsam in lauwarmer Seifenlauge einzuweichen. In der Küchenspüle. Wo sich dreckiges Geschirr stapelt, das darauf wartet, in die Spülmaschine geräumt zu werden, die ich ja zu diesem Zweck ( ich bin doch recht gut koordiniert), ja schon halb ausgeräumt habe.

Meine karitative Ader für die rührende Geschichte zweier vom Schicksal versprengter Brüder weicht einem sozialdarwinistisch- pragmatischem Ansatz: Sie waren getrennt, sie sind jetzt geprägt, es wird nie wieder so sein wie vorher, damit müssen sie jetzt leben, also: Bruder Zwei in den Schrank, Bruder Eins zurück in den Wintergarten. Dort stehe ich einen Moment und schaue in den Garten. Da wäre auch einiges zu tun. Aber ich wollte doch die Unterhose flicken und hatte auch schon das Nähkästchen gefunden- wo war das denn noch mal?

Ich gehe in die Küche zurück, das hilft ja oft, wenn man zurückgeht und den Blick schweifen lässt, sich entspannt- ich atme ein paar mal tief durch, dann hab ich es. Im Nähkästchen ist kein Gummiband. Wo ist es denn bloß, ich habe es neulich gesehen - wahrscheinlich in der Schublade im Büro- und tatsächlich - und was da sonst noch alles ist - z.B. der Lohnsteuerantrag für den immer noch die alte Steuerkarte fehlt - zurück zum Auto- Karton, die Steuerkarte holen.

Jetzt ist die Stunde, ich sollte jetzt, jetzt sofort den Antrag eintüten und wegschicken! Ein Din A 4 -Couvert muss her! Zurück in den Wintergarten, ich renne mit Riesenschritten, das ist jetzt wichtig und es ist so ein Glück, wie ein dicker Fisch an meiner Angel, ein wunderbares Gefühl, wenn sich etwas so wichtiges zur Erledigung einfindet. Ganz unten im Schrank sind die Restposten vom Recyclingpapierhandel, unter Spielen, Weihnachtsschmuck, Osterschmuck, Malfarbe, alles sehr aufsässige Ensembles, die im Laufe der Zeit aus ihren Kartons herausgekommen sind , sich ausgebreitet und auch noch jede Menge Playmobil, Büroklammern, Überraschungseierfigureneinzelteile, Schraubenzieher, Bauklötze, trockene Uhutuben, Kontoauszüge, alte Wachsreste, zerknüllte schöne Fensterbilder und auch eine mit Knetgummikacke präparierte Puppenpampers zur Untermiete aufgenommen haben.

Über die Pampers wird sich das Kind freuen, die bringe ich erst mal in die Küche. Ich könnte noch einen kleinen Pipifleck applizieren. Und die alten Uhutuben könnte ich wegwerfen - aber dürfen die in den gelben Sack? Oder müssen sie in die Garage zum Sondermüll? Jetzt werde ich nach dem Prinzip der Rationalität vorgehen: Der Schraubenzieher muss auch in die Garage, die Uhutuben kommen mit, der Pipifleck kann warten.

Das Aufräumen strengt mich an, ich nehme mir einen Kaffee aus der Thermoskanne und gehe damit zurück in den Wintergarten, eine Pause machen. Vom vielen Staub, den ich im Wintergartenschrank aufgewirbelt habe, läuft mir die Nase- ich renne zum Dielenkarton und dankbar nehme ich ein Papiertaschentuch aus einer der fünf feuchten Packungen. Dabei fällt mir ein, dass ich die eigentlich zum Trocknen auf den Ofen legen könnte. Gedacht, getan und der Ofen ist ausgegangen. Ich hole Holz aus dem Schuppen und komme auf dem Gang an einem Haufen von Kinderschuhen vorbei. Ich lasse das Holz fallen.

Jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht. Der Drang zur Familienzusammenführung nimmt überhand, ich hole die beiden einzelnen Kinderschuhe aus dem Autokarton und suche ihre Brüder. Das ist jetzt gar nicht sexistisch, weil es ja die Schuhe meiner Söhne sind, also Jungenschuhe, also Brüder. Aber da fällt mir ein, dass meine eigenen großen Zehen seit ich denken kann "Peter und Marlies" heißen. Also doch Brüder und Schwestern?

Ich grinse vor mich hin und überlege weiter, ob es bei Schuhen auch ausgesprochene Frauenschicksale gibt. Waren die Handschuhe vielleicht auch Bruder und Schwester ? Und wenn ja, wer ist dann unter der Gummimatte gelandet ? Das will ich jetzt wissen. Ich stürme mit wissbegieriger Detektivschläue im Gesicht durch die Diele Richtung Wintergarten und pralle frontal gegen meinen verblüfften Gatten.

"Was hast Du denn vor?", fragt er mich.

Ich erstarre für einen Moment und reibe mir mit der Innenfläche meiner Hand heftig die Nase. Das mache ich, seit ich denken kann in diesen Momenten. Wenn es nicht wirklich zu erklären ist, was ich gerade vorhatte. Nicht so einfach zu sagen ist.

Ich überlege noch , wo ich anfangen soll – zum Beispiel, dass man sehr wohl feststellen kann, welcher der Handschuhe weiblich ist, wenn man davon ausgeht, dass die linke Körperhälfte- gesteuert von der rechten Hirnhälfte, die Rezeptive ist- also weiblich, da schlägt er mir vor, mit ihm Kaffee zu trinken.

Er hat den Ofen angemacht und die Zeitung hereingeholt. Mein Kaffee ist kalt, er setzt Wasser auf. Dann räumt er die Spülmaschine aus und ein, wischt die entstandenen freien Flächen blank, räumt das Altglas in alte Plastiktüten, schließt alle Schranktüren und stellt im Vorbeigehen noch eine Maschine Wäsche an.

"Und, wie war Dein Vormittag?"

Etwas zögerlich antworte ich:" Oh, ganz gut, ich habe aufgeräumt."

"Ja ? Was denn ?"

"Oh, alles, irgendwie."

Antje Uffmann

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